Über das Müssen

Warum das Wort "Müssen" Stress auslöst und wie wir diesen reduzieren

Warum das Wort Müssen Stress auslöst und wie wir diesen reduzieren können

Mal Hand aufs Herz, wie oft gebrauchst du im Alltag das Wort müssen.

Ich muss die Erwartung von XY erfüllen. Ich muss stillen. Ich muss einkaufen gehen. Ich muss bis dahin Dieses und Jenes erreicht haben. Ich muss für meinen Partner attraktiv bleiben. Ich muss freundlich sein. Ich muss eine gute Mutter sein…

Der Ausdruck müssen erlaubt keinen Spielraum. Er setzt uns unter Druck und hat einen Zwangscharakter. Wir fühlen uns, wenn wir ihn benutzen, den Umständen ausgeliefert und geben unsere eigene Verantwortung ab. Menschen wollen jedoch in ihrem Denken und Handeln frei sein. Sie wollen die Kontrolle über sich behalten. Sind wir in unserem Denken und Handeln eingeschränkt, können unangenehme Gefühle entstehen wie Anspannung, Verärgerung, Erstarrung, Hilflosigkeit, Verbitterung, Abgeschlagenheit oder Erschöpfung (um nur ein paar Gefühle zu nennen). Diese Gefühle lösen allesamt Stress in uns aus. Mit dem Wort müssen können sich Aufgaben/ Tätigkeiten wie riesen Hürden anfühlen, die wir gar nicht angehen oder nur sehr widerwillig ausführen wollen. Wenn wir etwas müssen fühlen wir uns nahezu wie gelähmt.

            Manchmal ist es sogar so, dass wir durch das Wort müssen, nicht nur uns schaden, sondern auch unseren Kindern keinen Gefallen tun. Eine Mutter, die z.B. kein Bedürfnis verspürt, ihr Baby zu stillen, sondern ihm lieber die Flasche geben würde und sich selber jedoch sagt: Ich muss stillen, weil Stillen das Beste für mein Baby ist!, wird wohl kaum beim Stillen entspannt sein. Das wiederum kann sich ungünstig auf das Baby auswirken, da es die Anspannung der Mutter spürt und möglicherweise selbst unruhig wird. Die Mutter wollte dem Baby eigentlich nur das Beste geben, hat aber dabei ihr eigenes Bedürfnis ignoriert und dadurch indirekt dem Baby auch nichts Gutes getan. Vielleicht wäre es beiden besser gegangen, wenn die Mutter ihrem Bedürfnis nachgegangen wäre, ihr Baby anders zu ernähren.

Der Kontrollverlust, der durch das Wort müssen entsteht, führt also zu Stress, der nicht nur bei uns entsteht, sondern auch auf unsere Kinder übertragen werden kann.

Das bedeutet gleichzeitig, wenn du die Kontrolle wiederherstellst, reduzierst du auch das Stresslevel:

Wer sagt dir, dass du etwas machen musst? Beobachte mal im Alltag, wann du das Wort müssen benutzt und stelle dir dann folgende Fragen:

  • Welchen Sinn hat es, wenn ich dem Müssen folge (ich also tatsächlich das mache, was ich glaube machen zu müssen z.B. Stillen, freundlich sein etc.)?

Die Mutter aus dem vorangegangenen Beispiel, wollte z.B. wahrscheinlich, dass es ihrem Baby gut geht und sie es mit allem versorgt, was es braucht. Sie weiß um den Gehalt von Muttermilch und die Vorteile, die das Stillen mit sich bringt.

  • Wem ist es dienlich, wenn ich mich so verhalte?

Die Mutter aus dem Beispiel glaubt, ihrem Kind damit etwas Gutes zu tun. Sie denkt, dass ihr Verhalten dem Kind dienlich ist.

  • Muss ich das machen oder kann ich das auch abgeben oder ganz lassen? Gibt es eine Alternative?

Hier könnte die Mutter für sich z.B. mal durchgehen, was passieren würde, wenn sie das Stillen aufgibt. Wie würde es ihr damit gehen? Welche Vorteile des Stillens kann sie dem Kind z.B. auch mit Flaschennahrung gewähren. Sie kann ihrem Kind z.B. auch während sie ihm die Flasche gibt Nähe geben.

(Anmerkung: Die Beispiele dienen nur der Veranschaulichung. Ich selbst befürworte das Stillen sehr, bin aber auch der Meinung, dass jede Mutter diese Entscheidung für sich selbst treffen darf. )

Wenn du diese Fragen immer mal wieder beantwortest, erlangst du nach und nach die Kontrolle wieder und reduzierst damit deutlich dein Stresslevel.

(Tipp: In dem Moment, wo du das Wort verwendest, wird es vielleicht schwierig sein, dir die Zeit zu nehmen, die Fragen zu beantworten. Setze dich doch vielleicht mal abends (oder wann auch immer du etwas Zeit für dich hast) hin und überlege dir, wann habe ich mir heute gesagt, dass ich etwas machen muss. Gehe dann ganz in Ruhe die Fragen durch[vielleicht bei einer Tasse Tee].)

Ist dir das zu aufwendig, besteht ein anderer hilfreicher Trick darin, das Wort müssen zu ersetzen.

Du kannst hierfür z.B. die Wörter möchte, will oder werde verwenden. Statt z.B. zu sagen: Ich muss später noch kochen., könntest du sagen: Ich werde später noch kochen., oder: Ich will/ möchte später noch kochen.. Durch die Verwendung der positiven Worte möchte, will oder werde entwickelst du automatisch positivere Gefühle, da es nicht zu dem zuvor erwähnten Kontrollverlust kommt. Oftmals ist es ja auch so, dass wir mehrere Bedürfnisse nebeneinander haben, die sich zum Teil ja auch widersprechen können. Wenn du das Wort müssen verwendest, aktivierst du automatisch Gedanken und Gefühle, die negativ sind. Wenn du dir sagst:  Ich muss kochen., kommt vielleicht der Gedanke: Kochen ist so anstrengend. und du fühlst dich wahrscheinlich antriebslos und müde. Du hast dann möglicherweise das Bedürfnis dich auszuruhen. Wenn du die Wörter wollen oder möchten hingegen verwendest, aktivierst du positive Gedanken und Gefühle. Wenn du dir sagst: Ich möchte kochen., fällt dir vielleicht ein, dass du deinen Kindern und dir ja gerne gutes/ gesundes Essen anbieten möchtest und du fühlst dich dadurch motiviert. Du hast dann wahrscheinlich das Bedürfnis aktiv zu werden. Solltest du bei der Verwendung der positiven Wörter keine guten Gedanken und Gefühle entwickeln, empfehle ich dir, doch mal die Fragen durchzugehen. Vielleicht überwiegen hier die Bedürfnisse, die tatsächlich gegen eine bestimmte Tätigkeit/ Handlung sprechen und du suchst dir lieber passende Alternativen.

Du kannst den Stress, den das Wort müssen auslöst, also reduzieren, indem du für dich die Fragen oben durchgehst oder das Wort ersetzt und hierdurch die Kontrolle zurückgewinnst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.