R- Resilienz (Wie werden unsere Kinder stark fürs Leben?) – TEIL 1

Resilienz - Psychische Widerstandskraft - Psychologische Schutzfaktoren

Resilienz

Wir Eltern wollen unsere Kinder bestmöglich auf das Leben vorbereiten. Wir wünschen uns, dass sie eine innere Stärke entwickeln, die ihnen auch in schwierigen Lebenssituationen zur Verfügung steht. Oft fragen wir uns, was dabei hilft, unsere Kinder zu stärken. Gibt es irgendwelche Möglichkeiten, sie dabei zu unterstützen und wenn ja, wie sehen diese Möglichkeiten aus? Ein wichtiges Wort, in diesem Zusammenhang ist die Resilienz.

Resilienz (psychische Widerstandfähigkeit) ist die Fähigkeit gut/erfolgreich mit Krisensituationen/ belastenden Lebenssituationen (z.B. Scheidung der Eltern, Umzug, Tod eines nahen Verwandten) umgehen zu können.1

Resilienz ist nicht stabil, sondern kann sich im Laufe des Lebens verändern und sich auch nur auf einzelne Lebensbereiche (z.B. Beziehungen, Schulfähigkeiten) beziehen.2,3 Sie ist auch nicht angeboren, sondern wird durch die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben (Aufgaben, die sich in  bestimmten Lebensperioden stellen, z.B. Autonomieentwicklung oder Entwicklung der Geschlechtsidentität) und in Wechselwirkung mit der Umwelt (zeitliche, räumliche, dingliche und soziale Einflüsse) erworben.4

Resilienzfaktoren

Es gibt erworbene Resilienzfaktoren (innerhalb des Kindes), die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich ein Kind trotz Krisensituationen/ belastenden Lebenssituationen, positiv entwickelt und nicht psychisch erkrankt.1,5,6 Sie haben sozusagen einen schützenden Effekt.1

Die Resilienzfaktoren stehen miteinander in Wechselbeziehung (d.h. sie beeinflussen sich gegenseitig und hängen voneinander ab). 7

Wir können unsere Kinder dabei helfen, resilient mit den besonderen Herausforderungen des Lebens umzugehen, indem wir sie dabei unterstützen ihre persönlichen Schutzfaktoren (Resilienzfaktoren)  zu entwickeln, die sie in Krisensituationen/ belastenden Lebenssituationen schützen.

Heute stelle ich dir zwei von sechs Schutzfaktoren vor: Eine gute Selbstwahrnehmung und Soziale Kompetenz.

Die Selbstwahrnehmung setzt sich zusammen aus dem Wissen, um die eigenen Fähigkeiten, Eigenschaften, Neigungen, Interessen und Verhaltensweisen, der Wahrnehmung eigener Gedanken und Emotionen (auch in Beziehung, zu anderen Personen, z.B. ich interessiere mich für Sport aber Paula mag Sport nicht; Ich bin gerade ängstlich aber Paula ist gerade fröhlich). 7,8

Soziale Kompetenz bezeichnet unterschiedliche Fähigkeiten, die dabei unterstützen,  Ziele im sozialen Kontext zu realisieren, während zugleich positive Beziehungen zu anderen Menschen bestehen bleiben. 9  Ein Kind mit einer guten sozialen Kompetenz kann soziale Informationen (wie z.B. Mimik, Gestik, Verhalten etc.) angemessen interpretieren und  weiß, welche Verhaltensweisen es, in welchen Situationen, zeigen kann. Außerdem zeigt ein sozial kompetentes Kind eine gute Selbstbehauptungs- und Konfliktfähigkeit. 7 Zur sozialen Kompetenz gehören z.B. das Bewusstsein und Aussprechen eigener Gefühle (Emotionale Kompetenz) und die Fähigkeit die Emotionen und Gedanken eines anderen Menschen nachvollziehen zu können (Empathie). 8

Zur sozialen Kompetenz gehört auch die Fähigkeit „Nein“ sagen zu können und seine Grenzen angemessen zu setzen, sowie Wünsche zu äußern oder Forderungen zu stellen.

Die Resilienzentwicklung fördern

So unterstützt du die Entwicklung einer guten Selbstwahrnehmung:

  • DEN KÖRPER KENNENLERNEN DÜRFEN

Gib deinem Kind die Möglichkeit seinen Körper kennenzulernen (Über seinen Körper bekommt es Wissen über sich und seinen Körper). 7 Damit es seinen Körper gut kennenlernen kann, muss es sich ausprobieren und sich dabei auch mal verletzen dürfen. Wenn es laufen lernt, sollten ihm die Eltern z.B. auch ermöglichen hinzufallen und es nicht nur an der Hand herumführen. Gefahren sollten realistisch und nicht übertrieben eingeschätzt werden. Stelle dir zur Hilfe die Frage: „Ist mein Kind jetzt wirklich in Gefahr, (wenn es z.B. alleine versucht irgendwo hochzuklettern) oder kann es sich nur leicht verletzen?“

  • GIB DIE EMOTIONEN DEINES KINDES UND DEINE EIGENEN EMOTIONEN WIDER

Spiegel (durch Mimik, Gestik und sprachlich) die Emotionen deines Kindes und sprich auch über deine eigenen Emotionen (so lernt es zwischen den eigenen Emotionen zu unterscheiden und in Verhältnis, zu den Emotionen anderer Menschen, zu setzen). 7  Statt z.B. einfach nur zu sagen: „es geht mir gut“, lernt es, je nach Situation, zu sagen: „Ich bin fröhlich, dankbar, ausgeruht“ etc., oder statt zu sagen: „Es geht mir schlecht“, kann es sagen: „Ich bin ängstlich, sauer, verunsichert“. Gleichzeitig weiß es, dass sich z.B. die Mutter gerade anders fühlen kann.

  • VERHARMLOSE/ NEGIERE NICHT DIE GEDANKEN, GEFÜHLE UND ERFAHRUNGEN DEINES KINDES

Nimm dein Kind ernst und vermeide Aussagen wie:

  •  Es ist doch nichts passiert. → Stattdessen spiegel das Erleben deines Kindes z.B.: „Du hast dich gerade sehr erschrocken, oder?“
  •  Ein Indianer kennt keinen Schmerz./ Hör auf zu Jammern! → Damit sprichst du deinem Kind seine Emotionen ab. Es lernt, ich darf keine „Schwäche“ zeigen. Es entfremdet sich hierdurch, von seinem eigenen Erleben.
  •  Das habe ich dir ja gleich gesagt. → Wie soll dein Kind lernen, seine eigenen Erfahrungen zu machen, wenn du es vorher ja schon besser weißt?
  •  Du machst/ bist immer/ nie… → Solche verallgemeinernde Aussagen schränken das Erleben deines Kindes stark ein. Sei spezifisch! Beschreibe konkret die Situation: ,,Du hast das Glas umgeworfen.“ statt „Ständig wirfst du etwas um.“
  • HÖR AUF, DEIN KIND ZU VERGLEICHEN Dein Kind vergleicht sich selbst und braucht dich nicht dafür. Über den EIGENEN Vergleich, mit anderen Menschen, gewinnt es Informationen über sein Selbst. 10 Deine Wahrnehmung und Interpretation, anderer Menschen, ist nicht dieselbe, wie die deines Kindes. Indem du dein Kind vergleichst, bewertetest du dein Kind nicht nur, sondern stülpst ihm gleichzeitig deine eigene Wahrnehmung und Interpretation über. Hierdurch besteht die Gefahr, dass es an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln beginnt.

So förderst du die Soziale Kompetenz deines Kindes:

  • SEI DEINEM KIND EIN GUTES VORBILD

Dein Kind lernt sehr viel über dein Verhalten, deine Mimik, deine Gestik und deine Emotionen. Wichtig ist, dass du diese Aspekte stimmig vorlebst. Das bedeutet, dass du auch deine eigenen Grenzen, Emotionen, Wünsche und Bedürfnisse gut wahrnehmen und diese klar mitteilen solltest. Gleichzeitig solltest du auch die Emotionen deines Kindes spiegeln und seine Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse achten. Auch Verhaltensregeln im sozialen Kontext lebst du vor wie z.B. „Bitte“ und „Danke“ sagen, Blickkontakt zu anderen Menschen aufnehmen usw..

  • VERMEIDE KONFLIKTE NICHT, SONDERN LÖSE SIE KONSTURKTIV

Konflikte lassen sich im Leben nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, dass Kinder lernen, wie sie angemessen mit Konflikten umgehen können. Ein guter Weg um Konflikte konstruktiv zu lösen, ist die gewaltfreie Kommunikation, nach Marshall B. Rosenberg, die aus vier Komponenten besteht: 11

  1. Beschreibe eine Situation, ohne zu bewerten oder zu interpretieren. → „Deine Bauklötze liegen auf dem Boden.“
  2. Benenne dein Gefühl. → „Ich bin frustriert….“
  3. Sag welches Bedürfnis dahinter steckt. → „… weil mir Ordnung wichtig ist.“
  4. Äußere deinen Wunsch. → „Bist du bereit, deine Bauklötze in die Kiste zu räumen?“
  • SAG DEINEM KIND NICHT, DASS ES BITTE, DANKE, HALLO ETC. SAGEN SOLL
    Kinder lernen am besten, wenn sie andere Menschen beobachten und das Verhalten imitieren. 12 Du bist sein Vorbild und es orientiert sich an dir. Indem du es nötigst, z.B. Bitte oder Danke zu sagen, verlernt dein Kind, dies aus eigener Überzeugung zu tun. Es wird zu einem angepassten Verhalten gedrängt. Wenn dir selbst Höflichkeit wichtig ist und du diese vorlebst, wird dein Kind diese auch übernehmen. Akzeptiere, dass dein Kind auch mal nicht danke, bitte etc. sagt. Wir Erwachsenen haben ja, je nach Kontext, auch nicht immer den Wunsch freundlich oder höflich zu sein.

In Teil 2 „R- Resilienz (Wie werden unsere Kinder stark fürs Leben?)“ stelle ich dir die zwei weiteren persönlichen Schutzfaktoren vor.

1 Wustmann, C. (2004): Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen. Beltz, Weinheim.

2 Egeland, B. R., Carlson, E. & Sroufe, L. A. (1993). Resilience as process. Development and Psychopathology.

3 Holtmann, M. & Schmidt, M. H. (2004). Resilienz im Kindes- und Jugendalter. Kindheit und Entwicklung.

4 Lösel, F., Bender, D. (2008): Von generellen Schutzfaktoren zu spezifischen protektiven Prozessen. Konzeptuelle Grundlagen und Ergebnisse der Resilienzforschung. In: Opp, G., Fingerle, M. (Hrsg.):Was Kinder stärkt: Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. 3. Aufl. Reinhardt, München.

5 Rutter, M. (1990): Psychosocial resilience and protective factors. American Journal of Orthopsychiatry 57.

6 Laucht, M. (1999): Risiko- vs. Schutzfaktor. Kritische Anmerkungen zu einer problematischen Dichotomie. In: Opp,G., Fingerle, M., Freytag, A. (Hrsg.) Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz.    Reinhardt, München.

7Fröhlich-Gildhoff, K. & Rönnau-Böse, M. (2014): Resilienz. 3. Aufl. Reinhardt, München.

8Lohaus, A. & Vierhaus, M. (2013): Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. 2. Aufl. Springerverlag, Berlin/ Heidelberg.

9Rubin, K. H., Bukowski, W., & Parker, J. G. (1998). Peer interactions, relationships, and groups. In N.Eisenberg (Hrsg.), Social, emotional, and personality development 5. Aufl. Handbook of child      psychology, (Bd. 3, S. 619–700). Hoboken, NJ: Wiley. W. Damon (Series Ed.).

10Festinger, L.: A Theory of Social Comparison Processes. In: Human Relations, 7 (1954).

11 Rosenberg, B. M. (2016): Gewaltfreie Kommunikation. 12. Aufl. Junfermann Verlag, Paderborn.

12 Bandura, A. (1977). Social learning theory. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall. Deutsch 1979: Sozial-kognitive Lerntheorie, Stuttgart: Klett-Cotta

Eine Idee zu “R- Resilienz (Wie werden unsere Kinder stark fürs Leben?) – TEIL 1

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