Angst, dass das eigene Kind nicht mithalten kann

Ich habe Angst, dass mein Kind nicht mithalten kann!

Oft haben wir Eltern die Sorge, dass unser Kind nicht mit anderen Kindern mithalten kann, und dass sich dies, im späteren Leben, nachteilig auswirken könnte. Die meisten Eltern wünschen sich (verständlicherweise) für ihr Kind, dass es möglichst erfolgreich im Leben ist und sich gut in unsere Gesellschaft einfügt. Viele Eltern betrachten ihre Kinder dabei jedoch, durch die Brille, ihrer eigenen Vorstellung. Sie wünschen sich für ihre Kinder ein gutes und erfolgreiches Leben, so wie sie sich selbst ein gutes und erfolgreiches Leben vorstellen würden. Um sich einen Überblick, über den Stand des eigenen Kindes zu verschaffen, werden die Kinder verglichen. Es wird geschaut, ob das eigene Kind, die Anforderungen des Lebens, mindestens genauso gut meistert, wie andere Kinder. Oft bleibt der Blick dabei an den Schwächen des Kindes haften und richtet sich weniger auf die Stärken.

Wie sich Vergleiche auf unsere Kinder auswirken

Bereits in der Krabbelgruppe, kann man beobachten, wie Eltern ihre Kinder
vergleichen. Da erzählt die eine Mutter, dass ihr Kind seine ersten Krabbelversuche unternimmt, während die andere Mutter bedrückt einräumt, dass ihr Kind nicht mal in den Hand-Knie-Stütz geht. Auch Geschwister, und deren unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeit, werden gerne miteinander verglichen. So wird z.B. hervorgehoben, dass die Tochter schon früher krabbelte oder sprach, als z.B. der nachfolgende Sohn.

Mit Beginn der Schulzeit nimmt das Vergleichen dann so richtig Fahrt auf. Unser schultypisches Notensystem ermöglicht einen direkten Leistungsvergleich unter den Kindern. Hierzu gibt es ein tolles Bild von Hans Traxler. Auf diesem Bild ist ein Baum abgebildet. Vor dem Baum stehen verschiedene Tiere, u.a. ein Elefant, ein Affe, ein Pinguin. Der Aussage des Bildes zufolge, ist eine Aufgabe gerecht, wenn diese für alle gleich ist. Ein Mann fordert alle Tiere auf, den Baum hochzuklettern, um zu festzustellen, wer die Aufgabe am besten bewältigen kann. Nun wird dem Betrachter natürlich klar werden, dass ein Elefant gegenüber dem Affen deutlich im Nachteil ist. Er hat nicht die gleichen motorischen Fähigkeiten, wie der Affe und kann daher auch nicht den Baum hochklettern. Auch in der Schule müssen Kinder die gleichen Tests ablegen, obwohl jedes Kind unterschiedliche Fähigkeiten mitbringt. Das eine Kind zeigt z.B. eine gute Leistung in Mathematik, hat aber Probleme im Sportunterricht mitzuhalten. Ein anderes Kind ist sehr sportlich, tut sich aber schwer mit Zahlen.

Nimmt man Abstand vom Vergleich der Leistung, so gibt es noch viele andere Bereiche, die bei Kindern gerne verglichen werden z.B. Körperbau, Charakter oder Temperament. So wird das eine Kind z.B. als sehr mager bezeichnet, während über das nächste Kind behauptet wird, es sei sehr pummelig. Wenn Charaktereigenschaften und Temperament verglichen werden, werden Kinder z.B. als besonders mutig, schüchtern oder wild bezeichnet.

Grundsätzlich erfüllen Vergleiche auch eine Funktion. Nach der Theorie, des Sozialen Vergleichs, von Leon Festinger, gewinnen Menschen über den Vergleich, mit anderen Menschen, Informationen über ihr eigenes Selbst1. Nur sind hier nicht die Kinder diejenigen, die sich selbst vergleichen, sondern die Eltern übernehmen den Vergleich für sie. Die Kinder integrieren hierdurch, von außen (durch ihre Eltern), fremde Anteile in ihr Selbst.

Wenn wir uns von der Angst leiten lassen, unsere Kinder könnten nicht mithalten, laufen wir Gefahr, sie in Kategorien einzuordnen. Vergleiche wie z.B. Lisa ist besonders schlau oder  Luke ist ein langsamer Denker, führen dazu, dass wir unsere Kinder durch eine Brille betrachten, die die Sicht, auf unsere Kinder, einschränken kann. Wir sind offener für Informationen, die das Urteil über unsere Kinder bestätigen, als für Informationen, die das Urteil widerlegen würden. Damit halten wir das Urteil über unsere Kinder aufrecht. Unser Urteil über unsere Kinder, bestimmt wiederum unser Verhalten ihnen gegenüber. Die Kategorien, in die wir unsere Kinder einordnen, können hierdurch zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Ein Kind zeigt z.B. keine guten Leistungen in Mathe. Die Eltern zeigen sich enttäuscht, dass das Kind nicht gut in Mathe ist und sagen vielleicht noch so etwas wie: „Mathe scheint dir nicht zu liegen.“ Da seinen Eltern aber wichtig ist, dass es in der Schule mithalten kann, wird es aufgefordert, nun täglich, neben den Hausaufgaben, für Mathe zu lernen. Das Kind fühlt sich fehlerhaft und gestresst. Durch den Stress kann es sich nicht auf das Üben konzentrieren und so folgt ein Teufelskreis, der ihm vielleicht die Chance nimmt, zu einem späteren Zeitpunkt sich mehr für Mathe zu interessieren oder zumindest Teilbereiche spannend zu finden. Das Kind ist, durch den Druck, den die Eltern (möglicherweise in guter Absicht) auf es ausüben, blockiert.  

Es ist aber auch möglich, dass sich das Verhalten der Eltern auf eine andere Art und Weise auswirkt. Zeigt es z.B. (trotz des Stresses) plötzlich gute Leistungen in Mathe, fühlen sich die Eltern in ihrem Handeln bestätigt. Das Kind bekommt mit, dass es den Eltern damit besser geht und bemüht sich zukünftig bessere Leistung zu zeigen. Es macht sich abhängig von den Erwartungen und Wertzuschreibungen der Eltern.

Wenn Eltern sich also von der Angst leiten lassen, dass ihr Kind nicht mithalten kann, laufen sie Gefahr, dass sich ihr Kind unzulänglich und fehlerhaft fühlt oder es abhängig von den Erwartungen und Wertzuschreibungen der Eltern wird. Seine eigene Selbstwahrnehmung wird so durch die Eltern verfälscht.

Doch sollte es nicht viel mehr darum gehen, dass ein Kind zufrieden im Leben mit sich und seinen Umständen ist? Das es annehmen kann, welche Eigenschaften es mitbringt? Ist es nicht gerade der Leistungsdruck, der krank macht und der Vergleich, der für eine Selbstentfremdung sorgt? Sollten Kinder nicht lieber lernen, die Bereiche des Lebens, in denen sie durchschnittlich oder unterdurchschnittlich sind, anzunehmen?

Das Kind kann und will sich die Welt selbst erschließen

Jedes Kind entwickelt sich auf seine eigene Art und Weise und in seinem eigenen Tempo. Es bringt seine eigenen Interessen, Stärken und Schwächen mit. Durch äußeren Druck lernt es nicht besser oder schneller. Kinder sind von sich aus motiviert zu lernen. Die Art und Weise wie sie lernen und was sie lernen wollen, passt nur oft nicht zu der Leistungseinstellung unserer Gesellschaft.

Alle Menschen auf dieser Erde sind fehlbar und unvollkommen. Wir können unsere Kinder nicht davor bewahren, dass sie im Leben auch Schmerzen erfahren werden und scheitern. Auch eine sehr gute Schullaufbahn bewahrt nicht davor. Durch das Vergleichen und Bewerten unsere Kinder, bewirken wir möglicherweise nur, dass sie im Leben angepasste Personen werden, die nicht im Kontakt mit sich selbst stehen und deren höchstes Ziel es ist, sich irgendwie wertvoll zu fühlen. Doch dieser Wert, den sie gezwungen sind, sich von außen zu holen, führt zu mehr zur Selbstentfremdung. Es geht dann irgendwann nur noch darum, gute Leistungen zu bringen oder bestimmte Charaktereigenschaften zu zeigen, um sich wertvoll zu fühlen.

Kinder (so wie wir Erwachsene auch) wollen im Grunde genommen einfach so angenommen werden, so wie sie sind, mit allen Eigenschaften, die zu ihnen gehören. Es lohnt sich also von der Angst, dass das eigene Kind nicht mithalten kann, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass es sich die Welt auf seine eigene Art und Weise erschließt.

Umgang mit der Angst

Was kannst du tun um deine Unsicherheiten bezüglich deines Kindes zu reduzieren?

  • Betrachte zunächst einmal dich selbst und deine Gefühle. Woher kommt die Unsicherheit, dein Kind könne nicht mithalten? Vielleicht gibt es hierzu eigene Kindheitserfahrungen, die zu dieser Unsicherheit führen. Frage dich, ob du dein Kind möglicherweise durch die Brille deiner eigenen Erfahrungen betrachtest und dabei eventuell Stärken deines Kindes übersiehst.
  • Schreibe dir täglich ein paar Dinge auf, die dir positiv an deinem Kind, und an eurer Beziehung zueinander, aufgefallen sind. Mache dich dabei unabhängig von Leistungen und Bewertungen. Du könntest z.B. so etwas aufschreiben, wie: „Mein Kind hat heute einen Schmetterling betrachtet und dabei gelächelt. Ich habe mich mit meinem Kind gefreut.“
  • Versetze dich in dein Kind. Stelle dir vor, du schlüpfst in die Haut deines Kindes hinein. Wie betrachtet dein Kind die Welt? Welche Gefühle entstehen in ihm, wenn es verglichen wird oder wenn es deine Angst, dass es nicht mithalten kann, mitbekommt? Was wünscht es sich von dir?
  • Akzeptiere die Individualität deines Kindes. Wir alle bringen unser individuellen Eigenschaften mit, für die wir akzeptiert werden wollen.
  • Nimm an, dass dein Kind in manchen Bereichen des Lebens eher durchschnittlich oder sogar unterdurchschnittlich ist. Falls dir das sehr schwer fällt, erforsche, warum dir Überdurchschnittlichkeit so wichtig ist.
  • Suche bei deinem Kind nach Gemeinsamkeiten mit anderen Kindern, statt nach Unterschieden.

1Festinger, L.: A Theory of Social Comparison Processes. In: Human Relations, 7 (1954)

Eine Idee zu “Angst, dass das eigene Kind nicht mithalten kann

  1. Pingback: R- Resilienz (Wie werden unsere Kinder stark fürs Leben?) - TEIL 1 - Mama Entspannt

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